
In ganz Österreich gibt es rund acht Destinationen, die das staatliche Österreichische Umweltzeichen für nachhaltige Tourismusdestinationen tragen. Das Pitztal ist eine davon — und das merkt man: am ausgebauten Linienbus ins Tal, am Naturpark Kaunergrat direkt vor der Tür, am Tiroler Steinbockzentrum in St. Leonhard und an einer Tourismusstrategie, die Naturschutz als Grundlage begreift, nicht als Marketingbotschaft. Was das für deinen Urlaub bedeutet, erfährst du hier.
Was ist das Österreichische Umweltzeichen für Destinationen?
Das Österreichische Umweltzeichen ist ein staatliches Gütesiegel, vergeben vom Bundesministerium für Klimaschutz. Es gibt es in zwei Varianten: für einzelne Betriebe (Hotels, Restaurants, Campingplätze) und — seit einigen Jahren — auch für ganze Tourismusdestinationen.

Für eine Destination mit dem Umweltzeichen ausgezeichnet zu werden ist anspruchsvoll. Die Region muss nachweisen, dass sie in den Bereichen Energie, Wasser, Mobilität, Abfall, regionale Wertschöpfung und Naturschutz messbare Standards einhält — und diese regelmäßig extern prüfen lässt. Es reicht nicht, ein Leitbild zu formulieren. Gefordert werden konkrete Zahlen, Programme und Kooperationsstrukturen.
Aktuell tragen bundesweit nur rund acht Destinationen dieses Label. In Tirol sind es mit dem Pitztal, dem Kaunertal und der Wildschönau drei Regionen — das Pitztal gehört zu den jüngsten Ausgezeichneten (Zertifikatsnummer: UZ82-007).
Für dich als Reisende bedeutet das: Du hast eine extern geprüfte Zusicherung, dass die Region ihren Nachhaltigkeitsanspruch nicht nur kommuniziert, sondern lebt.
Das Pitztal in Zahlen
Das Pitztal liegt im Tiroler Oberland, südlich von Imst, und erstreckt sich auf einer Länge von rund 40 Kilometern von der Talöffnung bei Arzl im Pitztal (830 m) bis unter die Wildspitze (3.770 m) — dem höchsten Gipfel Nordtirols und dem zweithöchsten Berg Österreichs nach dem Großglockner.

Das Tal umfasst vier Gemeinden: Arzl im Pitztal, Wenns, Jerzens und St. Leonhard im Pitztal. Jede hat einen anderen Charakter: Arzl ist das Eingangstor mit Supermarkt und Bahn-Bus-Anschluss; St. Leonhard ist das alpine Zentrum mit dem Steinbockzentrum und dem Einstieg in hochalpine Touren. Die Bevölkerung des Tals zählt rund 4.700 Menschen — eine Größe, bei der nachhaltige Regionalentwicklung noch wirklich greifbar ist.
Naturpark Kaunergrat: 589 Quadratkilometer Schutzgebiet
Direkt ans Pitztal grenzt der Naturpark Kaunergrat — mit 589,2 Quadratkilometern eines der größten Schutzgebiete Westösterreichs. Der Park umfasst das Pitztal, das Kaunertal und die Fließer Sonnenberge und schützt eine außergewöhnlich vielfältige Berglandschaft mit Gletschern, Almen, Felstürmen und Moorgebieten.
Was den Kaunergrat von einem typischen Schutzgebiet unterscheidet: Er ist kein Sperrgebiet, sondern ein Erlebnisraum. Du darfst in weiten Teilen wandern, rasten und Natur erleben — aber innerhalb klar definierter Spielregeln, die den Wildtieren Vorrang lassen.
Besucherzentrum Kaunergrat: In Wenns gibt es ein Naturpark-Besucherzentrum mit Führungen, Ausstellungen und kindgerechten Programmen. Ranger begleiten Sommerprogramme wie Kräuterwanderungen, Vogelstimmenkurse und Moorexkursionen — die meisten davon kostenlos für Übernachtungsgäste mit Gästekarte.
Das Tiroler Steinbockzentrum in St. Leonhard
Im Juli 2020 eröffnete das Tiroler Steinbockzentrum in St. Leonhard im Pitztal — ein Projekt des Naturpark Kaunergrat, der Pitztaler Gemeinden und des Tourismusverbands. Es ist das erste Zentrum seiner Art in Österreich, das den Alpensteinbock (Capra ibex) in den Mittelpunkt stellt.
Der Steinbock ist eine Erfolgsgeschichte des europäischen Artenschutzes: Im 19. Jahrhundert fast ausgerottet, wurde er durch gezielte Wiederansiedlungsprogramme in die Alpen zurückgebracht. Im Kaunergrat lebt heute eine stabile Population. Das Steinbockzentrum ist kein Zoo — es ist ein Dokumentations- und Bildungsort, der von Rangern des Naturparks betreut wird.
Tipp: Früh morgens (zwischen 6 und 9 Uhr) stehen die Chancen am besten, Steinböcke auf den Felswänden südlich von St. Leonhard zu beobachten. Fernglas mitnehmen.
Nachhaltig anreisen: Das Pitztal per Bus
Das Pitztal ist eines der wenigen Tiroler Seitentäler mit regelmäßigem Linienbus-Anschluss. Die Linie 70 verbindet Imst (Bahnhof an der Arlbergbahn) mit allen vier Gemeinden im Tal — bis nach St. Leonhard.
So reist du ohne Auto an:
- Zug nach Imst-Pitztal (Bahnhof an der Arlbergbahn, Innsbruck – Landeck – Bregenz)
- Linie 70 ab Bahnhof Imst ins Pitztal (Fahrzeit bis St. Leonhard: ca. 45 Minuten)
- Mit KlimaTicket Tirol: kostenlos
Ehrliche Einordnung zur ÖV-Situation: Das Pitztal ist gut erschlossen für ein Seitental dieser Größe — aber ein Auto erleichtert die Erkundung der Berggebiete abseits der Hauptstraße. Wer autofrei kommt, sollte Wanderungen planen, die vom Busbahnhalt in St. Leonhard starten. Die Linie 70 fährt im Sommer stündlich.
Wandern im Pitztal: Von der Alm bis zum Dreitausender
Rifflsee (2.232 m): Bergsee mit Rundweg
Einer der schönsten Bergseen Tirols liegt direkt im Pitztal — der Rifflsee auf 2.232 Meter. Per Seilbahn ab Jerzens erreichst du den See in wenigen Minuten; von dort führt ein leichter Rundweg am Ufer entlang (T2, ca. 2 Stunden, wenig Höhenunterschied). Das Wasser ist klar und kalt — auch im August selten über 14 Grad.
Alternativ zu Fuß: Der Aufstieg von Jerzens zum Rifflsee dauert ca. 2,5 Stunden (T3, 750 Höhenmeter) und bietet spektakuläre Blicke ins Tal.
Fuldaer Höhenweg: Mehrtages-Klassiker im Kaunergrat
Der Fuldaer Höhenweg ist eine 3-tägige Mehrtagesroute durch den Naturpark Kaunergrat, benannt nach der deutschen Sektion des Alpenvereins. Er verbindet mehrere Alpenvereinshütten auf 2.000 bis 3.000 Meter und gibt einen tiefen Einblick in die Landschaft des Naturparks. Schwierigkeit: T3–T4, alpine Erfahrung notwendig. Startpunkt ist per Bus ab St. Leonhard erreichbar.
Almwanderungen für Familien
Rund um Jerzens und Wenns gibt es mehrere leichte Almwege (T1–T2), die auch für Kinder ab 6 Jahren geeignet sind. Die Jöchelspitze (2.263 m) ist mit der Seilbahn teilweise erschlossen und gibt auch weniger erfahrenen Berggehern den Zugang zu hochalpinem Panorama.
Nachhaltig Übernachten im Pitztal
Das Pitztal hat eine Reihe von Betrieben, die über das Österreichische Umweltzeichen für Beherbergungsbetriebe verfügen. Eine aktuelle Liste zertifizierter Betriebe findest du unter umweltzeichen.at oder beim Tourismusverband Pitztal.
Typische Unterkunftsformen im Tal: Bauernhöfe mit Direktvermarktung (Frühstück mit eigenen Produkten), familiengeführte Pensionen in den Dorfkernen und Alpenvereinshütten im Naturpark (ab ca. 20–35 Euro für AV-Mitglieder). Eine AV-Mitgliedschaft kostet für Jugendliche unter 25 Jahren rund 38 Euro im Jahr — nach zwei Hüttennächten amortisiert.
Ehrliche Einordnung: Was im Pitztal noch nicht nachhaltig ist
Das Österreichische Umweltzeichen bedeutet nicht, dass alles perfekt ist. Es bedeutet, dass die Region messbar und überprüfbar auf dem richtigen Weg ist.
Der Pitztaler Gletscher: Das Pitztal betreibt auf 2.860 bis 3.440 Meter eines der wenigen verbleibenden Gletscherskigebiete Österreichs. Skifahren auf einem Gletscher widerspricht dem Ziel des Klimaschutzes — die Gletscher des Pitztals sind in den vergangenen Jahrzehnten messbar zurückgegangen. Das Pitztal kommuniziert diesen Zielkonflikt nicht prominent. Wer das Pitztal als nachhaltige Destination bewerten will, sollte diesen Widerspruch kennen.
Fazit: Das Pitztal ist eine der überzeugendsten nachhaltigen Sommerdestinationen in Tirol — mit dem Vorbehalt, dass der Gletscherskibetrieb einen messbaren Zielkonflikt darstellt, den die Region noch nicht aufgelöst hat.
Häufige Fragen zum Pitztal
Was bedeutet das Österreichische Umweltzeichen UZ82 konkret?
UZ82 ist das Kriterienwerk für nachhaltige Tourismusdestinationen. Es prüft Bereiche wie Energieverbrauch, Abfallmanagement, Mobilität (ÖV-Angebot), regionale Wertschöpfung und Naturschutz. Die Prüfung erfolgt durch akkreditierte externe Stellen; die Zertifizierung muss alle drei Jahre erneuert werden.
Kann ich das Pitztal komplett autofrei bereisen?
Die Anreise per Zug (Imst-Bahnhof) und Linie 70 ist gut möglich. Innerhalb des Tals kommst du für die meisten Wanderungen mit Bus und zu Fuß aus. Für entlegenere Almgebiete und die Rifflsee-Seilbahn in Jerzens brauchst du entweder ein Fahrrad oder planst Touren, die vom Busbahnhalt in St. Leonhard starten.
Wann ist die beste Zeit für einen Besuch im Pitztal?
Für Wandern und Naturerlebnis: Mitte Juni bis Mitte September. Der Naturpark Kaunergrat ist im Frühjahr für viele Bereiche gesperrt (Schonzeit für Wildtiere). Juli und August sind die Hochmonate; wer Ruhe sucht, fährt im September — die Almzeit ist dann auf dem Höhepunkt, das Wetter meist stabil.
Gibt es regionale Produkte, die ich direkt kaufen kann?
Ja. Mehrere Bauernhöfe verkaufen direkt ab Hof: Käse, Butter, Almhonig, getrocknete Kräuter. Das Tourismusbüro in St. Leonhard gibt eine aktuelle Liste der Direktvermarkter. Auf den bewirtschafteten Almen des Naturparks bekommst du in der Regel regional produzierte Jause.
Ist das Pitztal auch für Kinder geeignet?
Sehr gut, besonders für Kinder ab 6–8 Jahren. Das Steinbockzentrum hat kindgerechte Führungen; die leichten Almwege um Jerzens und Wenns sind familientauglich. Der Rifflsee ist ein Highlight für Kinder — aber das kalte Badewasser (unter 14 Grad) sollte man vorab kommunizieren.
Fazit: Das Pitztal als Vorbild, nicht als Perfektion
Das Pitztal zeigt, was ein kleines Tiroler Seitental mit dem richtigen Rahmen leisten kann: ein staatliches Gütesiegel (UZ82-007), das Naturschutz, Mobilität und regionale Wirtschaft verbindet; ein Naturpark mit fast 600 Quadratkilometern, der für Gäste offen ist; ein Steinbockzentrum, das Artenschutz erlebbar macht.
Das Pitztal ist kein perfektes Öko-Idyll — der Gletscherskibetrieb bleibt ein Widerspruch, den die Region ehrlicher kommunizieren sollte. Aber als Sommerdestination mit belegtem Nachhaltigkeitsanspruch ist das Pitztal eines der überzeugendsten Reiseziele in Tirol. Für Reisende, die wissen wollen, dass ihr Urlaub von einer unabhängig geprüften Instanz eingeordnet wird, ist das Umweltzeichen die verlässlichste Aussage, die eine Destination treffen kann.
→ Aktuelle Informationen: pitztal.com | Nachhaltigkeits-Kriterien: umweltzeichen.at
Quellen: Österreichisches Umweltzeichen, umweltzeichen.at – Pitztal (UZ82-007) — Presse Tirol, Pitztal mit Österreichischem Umweltzeichen — Naturpark Kaunergrat, kaunergrat.at — tirol.at, Umweltfreundliche Regionen in Tirol
