
Gletschereis am Umbalkees, ein Kiesbett, das sich nach jedem Hochwasser neu sortiert, und 57 Kilometer weiter die Mündung in die Drau bei Lienz: Die Isel in Osttirol fließt noch weitgehend so, wie die Natur sie geformt hat. Kein Kraftwerk nutzt den Fluss selbst, mehrere Projekte sind gescheitert. Dahinter stehen Jahrzehnte voller Streit, ein EU-Schutzgebiet und eine seltene Pionierpflanze.
Isel Osttirol im Steckbrief: vom Umbalkees nach Lienz
Die Isel entspringt am Umbalkees in der Venedigergruppe und mündet in Lienz in die Drau. Ihr Einzugsgebiet umfasst nach Angaben des WWF etwa zwei Drittel der Fläche Osttirols. Die wichtigsten Zuflüsse heißen Tauernbach, Kalserbach und Schwarzach. Die Eckdaten im Überblick:
| Merkmal | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Länge | rund 57 Kilometer | Austria-Forum (WWF: 58 Kilometer) |
| Quelle | etwa 2.400 Meter, Umbaltal | Austria-Forum, WWF |
| Mündung | Lienz, rund 673 Meter | Austria-Forum |
| Höhenunterschied | etwa 1.730 Meter | WWF, Flüsse voller Leben |
| Einzugsgebiet | rund 1.200 Quadratkilometer | WWF |
Der oberste Abschnitt im Umbaltal gehört zur Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern, die Umbalfälle und der anschließende Oberlauf zur Außenzone.
Was die Isel ökologisch besonders macht
Frei fließende Gletscherflüsse sind in den Alpen selten geworden. An der Isel verlagert sich das Bett nach Hochwasser, Schotterbänke entstehen und verschwinden wieder. Genau dort wächst die Deutsche Tamariske. Die Pionierpflanze ist laut Land Tirol in Europa sehr selten und auf solche Schotterflächen angewiesen. Der WWF sieht an der Isel die vitalste und genetisch vielfältigste Tamariskenpopulation der Alpen. Das ist eine Einschätzung der Naturschutzorganisation, keine amtliche Feststellung.
Auch Tiere profitieren von der Dynamik. Laut WWF lebt an der Isel die größte Tiroler Population des stark gefährdeten Flussuferläufers. Dazu kommen Äsche, Flussregenpfeifer und Gelbbauchunke, die alle als gefährdet gelten.
Wie naturnah ist die Isel wirklich?
Der WWF bezeichnet die Isel als letzten Fluss seiner Art in den Ostalpen. Die damalige Klimaschutzministerin Leonore Gewessler nannte sie 2021 einen der letzten frei fließenden Gletscherflüsse der Alpen. Beides sind Wertungen, und sie gelten mit Einschränkungen. Der WWF beziffert die natürlichen oder naturnahen Abschnitte auf mehr als 90 Prozent. Das Austria-Forum verweist dagegen auf Blocksteinsicherungen und Buhnen an großen Teilen des Laufs, in Lienz ist das rechte Ufer durch Mauern stark verbaut. Naturnah sind vor allem die Iselschlucht und der Bereich unterhalb des Virgener Schotterkegels.
„Unberührt“ ist die Isel also nicht. „Weitgehend frei fließend“ trifft es besser.
Schutz und Streit: Natura 2000 und die Kraftwerkspläne
Die Isel ist seit Jahrzehnten ein Konfliktfeld zwischen Energiewirtschaft und Naturschutz. Natura 2000 ist das europäische Schutzgebietsnetz auf Grundlage der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Projekte, die ein solches Gebiet erheblich beeinträchtigen könnten, brauchen eine Naturverträglichkeitsprüfung, und an dieser Hürde scheiterte das Kraftwerk Obere Isel. Die wichtigsten Stationen:
- 1980er-Jahre: Das geplante Großkraftwerk Dorfertal wird nach Protesten von Umweltschützern nicht gebaut.
- 2015: Das Land Tirol meldet die Isel als Natura-2000-Gebiet an die EU, die Europäische Kommission hatte bereits 2013 eine Unterschutzstellung gefordert. Mehrere Zuflüsse wurden nur teilweise einbezogen.
- Jänner 2020: Das Land Tirol weist den Antrag auf Umweltverträglichkeitsprüfung für das Kraftwerk Obere Isel im Virgental zurück und beendet das Verfahren. Das Projekt, laut Tiroler Tageszeitung mit Kosten von 147 Millionen Euro, war an der Naturverträglichkeitsprüfung gescheitert.
- 2020: Der WWF zählt sieben Projekte im Einzugsgebiet, drei davon direkt im Natura-2000-Gebiet (Stand November 2020). Anlagen an Lesachbach und Stalleralmbach sind genehmigt. Gegen den Ausbau des Kraftwerks an der Schwarzach beschwerte sich der WWF bei der EU-Kommission.
Der Konflikt war nicht schwarz-weiß. Die Gemeinden Virgen und Prägraten beteiligten sich mit je 50.000 Euro an der Kraftwerksgesellschaft, und bei einer Abstimmung 2012 gab es nach Angaben des Austria-Forums eine allerdings umstrittene Mehrheit für das Projekt.
Die jüngsten Angaben, die wir belegen konnten, stammen aus den Jahren 2020 und 2021. Ein neues Vorhaben galt laut Tiroler Tageszeitung als nicht ausgeschlossen, würde aber einen kompletten Neustart verlangen. Ob aktuell neue Projekte laufen, erfährst du beim Land Tirol und beim WWF Österreich.
Die Isel erleben: Iseltrail, Besucherlenkung und Anreise
Zu Fuß erlebst du den Fluss am besten auf dem Iseltrail. Der Weitwanderweg wurde 2020 eröffnet und führt laut Land Tirol (Stand 2021) in fünf Tagesetappen über rund 76 Kilometer von Lienz bis zur Gletscherzunge des Umbalkees in Ströden. Welche Etappen, Unterkünfte und Anreisevarianten sich lohnen, haben wir auf unserer Seite zu Osttirol nachhaltig erleben zusammengestellt.
Der Trail wurde 2021 zum Leitprodukt der Österreich Werbung gewählt. Mehr Wanderer bedeuten aber auch mehr Druck auf empfindliche Flächen, und das ist ein echter Zielkonflikt. Das Land Tirol setzt deshalb auf Besucherlenkung, damit Tiere und Pflanzen geschützt bleiben und der Fluss trotzdem zugänglich ist. Nach der ersten Saison zog die damalige Landeshauptmannstellvertreterin Ingrid Felipe eine positive Bilanz.
Für dich heißt das in der Praxis:
- Bleib auf den markierten Wegen und folge der Beschilderung.
- Betritt Schotterbänke nur dort, wo es ausdrücklich erlaubt ist, denn genau dort wachsen die Tamarisken.
- Informiere dich vor der Tour über aktuelle Hinweise und Sperrungen beim Tourismusverband Osttirol.
Lienz ist der Start des Iseltrails und hat einen Bahnhof, Verbindungen prüfst du auf oebb.at. Für Busfahrten ins Virgental hilft die Fahrplanauskunft des Verkehrsverbunds Tirol. Wie du Osttirol und andere Regionen ohne Auto erkundest, zeigt unser Überblick zur autofreien Fortbewegung in Österreich. Weitere Ideen für die Zeit nach der Wanderung findest du bei den nachhaltigen Aktivitäten nach Saison.
Häufige Fragen zur Isel
Wie lang ist die Isel?
Die Isel ist rund 57 Kilometer lang. Sie entspringt auf etwa 2.400 Metern am Umbalkees in der Venedigergruppe und mündet in Lienz in die Drau. Die Längenangaben schwanken je nach Quelle leicht: Der WWF nennt 58 Kilometer, das Austria-Forum 57,3 Kilometer.
Ist die Isel ein Schutzgebiet?
Ja, das Land Tirol hat die Isel 2015 als Natura-2000-Gebiet gemeldet, und der Oberlauf liegt teilweise im Nationalpark Hohe Tauern. Einzelne Zuflüsse sind nur teilweise geschützt. Der WWF fordert deshalb ein Naturschutzgebiet für die gesamte Isel.
Gibt es Kraftwerke an der Isel?
An der Isel selbst gibt es laut Austria-Forum keine energiewirtschaftliche Nutzung, das Projekt Obere Isel im Virgental wurde 2020 beendet. An Zuflüssen bestehen oder entstehen Anlagen, etwa am Kalserbach. Der Stand ändert sich, prüfe deshalb aktuelle Meldungen.
Was ist die Deutsche Tamariske?
Die Deutsche Tamariske, auch Rispelstrauch genannt, ist eine Pionierpflanze auf Schotterbänken intakter Flüsse. Sie gilt europaweit als stark gefährdet. In der Silikatzone Österreichs kommt sie laut WWF heute vor allem entlang der Isel vor, weil dort die Flussdynamik noch erhalten ist.
Wie kommst du ohne Auto zur Isel?
Mit der Bahn erreichst du Lienz, den Start des Iseltrails. Von dort fahren Busse ins Virgental. Fahrzeiten und Anschlüsse ändern sich saisonal, prüfe sie vorab bei den ÖBB und beim Verkehrsverbund Tirol.
Fazit: Warum die Isel ein Fluss zum Hinschauen ist
Die Isel ist kein unberührtes Paradies, aber einer der wenigen Gletscherflüsse der Alpen, die weitgehend frei fließen dürfen, weil Menschen dafür gestritten haben. Wenn du sie erleben willst, plane den Iseltrail oder einzelne Etappen ein und bleib auf den Wegen. Bis Lienz kommst du mit der Bahn. Mehr Ideen für Reisen mit Verantwortung findest du auf der Startseite zum nachhaltigen Reisen in Österreich.
Quellen: WWF Österreich, Isel: Osttiroler Gletscherflüsse (2020) · WWF, Flüsse voller Leben: Isel (Stand 16.02.2021) · Austria-Forum, Isel (abgerufen am 25.10.2026) · Land Tirol, Iseltrail, Naturschutz und touristische Entwicklung (20.07.2021) · Land Tirol, Iseltrail wird weiter attraktiviert (09.04.2021) · Tiroler Tageszeitung, Land stoppt Kraftwerk Obere Isel (24.01.2020)
