Pilgern in Vorarlberg: Zu Fuß auf dem Appenzellerweg von Rankweil nach Einsiedeln

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Du stehst am Fuß des Liebfrauenbergs in Rankweil, der Rucksack sitzt, die ersten Wanderschuhe knirschen auf dem Kies. Vor dir liegen fünf Tage, gut 30 Gehstunden und knapp 2.900 Höhenmeter bis zum Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Kein Flug, kein Mietwagen, kein Verleihservice – nur der Weg, deine Beine und das, was in deinen Rucksack passt. Für Gerhard, der seinen Urlaub gern langsam und mit Substanz verbringt, und für alle, die lieber gehen als fahren, ist genau das der Reiz: eine Reise, die sich nicht abkürzen lässt.

Der Appenzellerweg ist kein Trend-Wanderweg, den sich jemand ausgedacht hat. Er ist eine der ältesten grenzüberschreitenden Pilgerrouten Mitteleuropas – dokumentiert, erforscht und heute so gut ausgeschildert, dass du ihn ganz ohne Auto planen kannst.

Warum dieser Weg wirklich eine eigene Geschichte hat

Rankweil ist seit dem 14. Jahrhundert der bedeutendste Wallfahrtsort Vorarlbergs. Die Basilika auf dem Liebfrauenberg zieht seit über 1.300 Jahren Pilger an – lange bevor irgendjemand in Mitteleuropa an Spanien dachte. Historisch war für die Menschen aus Vorarlberg ohnehin nicht Santiago de Compostela das große Fernziel, sondern Einsiedeln im Kanton Schwyz, mit seiner „Schwarzen Madonna“ in der Gnadenkapelle. Der erste schriftliche Beleg für Wallfahrten von Vorarlberg nach Einsiedeln stammt aus dem Jahr 1337.

Der Historiker Helmut Tiefenthaler, der die Route im Auftrag des Landes Vorarlberg und des Kantons St. Gallen erforscht und beschrieben hat, weist deshalb zu Recht darauf hin: Der Weg heißt offiziell „Appenzellerweg“ und nicht „Jakobsweg“ – auch wenn er ab St. Peterzell auf den offiziellen Ostschweizer Jakobsweg (Via Jacobi) trifft. Der Unterschied ist mehr als Wortklauberei. Es zeigt, dass hier eine eigenständige, regional verwurzelte Pilgertradition existiert, die nicht einfach als Vorstufe zum großen spanischen Camino vermarktet werden sollte.

Wie stark diese Beziehung zwischen Vorarlberg und Einsiedeln historisch war, zeigt eine kleine Überlieferung: Als der Appenzeller Hans Frehner 1562 auf seiner Reise nach Santiago de Compostela in einen schweren Sturm geriet, gelobte er in seiner Not eine Wallfahrt nach Einsiedeln – nicht nach Santiago. Für Menschen aus dem Rheintal und dem Appenzellerland war Einsiedeln jahrhundertelang das erste und wichtigste Ziel, Santiago allenfalls eine Fortsetzung für besonders Ausdauernde.

Bis heute lebt diese Tradition: Am 1. Mai, dem Vorarlberger Landeswallfahrtstag, brechen hunderte Menschen zu Fuß zur Basilika Rankweil auf – für viele der offizielle Start in die Pilgersaison.

Die Route: Von der Basilika Rankweil ins Appenzellerland

Der Weg beginnt am Liebfrauenberg, wo die burgähnliche Wallfahrtskirche seit dem Mittelalter über das Rheintal wacht. Von dort führt die Route über Meiningen zur Grenze, wo du bei Meiningen–Oberriet den Rhein überquerst – heute über eine Brücke, früher mit der Fähre. Schon nach wenigen Kilometern merkst du: Das ist keine ausgebaute Alpin-Route mit Klettersteig-Nervenkitzel, sondern ein ruhiger, meditativer Talweg über Wiesenpfade, Forstwege und kurze, angenehm schattige Steigungen.

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Über Freienbach mit seiner Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung und die Kapelle „Maria Hilf zum Bildstein“ – auf gut 1.000 Metern der höchste Punkt beim Übergang vom Rheintal ins Appenzellerland – erreichst du Eggerstanden. Von hier aus öffnet sich der Blick auf die kalkgrauen Felsen des Alpsteins und die charakteristische Hügellandschaft Appenzell Innerrhodens, die schon Hermann Hesse als „sonntäglich“ beschrieben hat.

Durch das Appenzellerland: Appenzell, Gonten, Urnäsch

Der Weg führt mitten durch das Dorf Appenzell mit seiner spätgotischen Pfarrkirche St. Mauritius und den bunt bemalten Fassaden der Hauptgasse – ein Kulturweg genauso sehr wie ein Pilgerweg. Am Ortsrand kommst du an einem Lagergebäude für den berühmten Appenzeller Käse vorbei, kurz bevor der Pfad wieder in ein stilles Wiesental abbiegt. Weiter geht es nach Gonten, wo in der Pfarrkirche seit dem 17. Jahrhundert das Gnadenbild „Maria zum Trost“ verehrt wird, und nach Jakobsbad, benannt nach einer alten Jakobus-Verehrung am nahen Kronberg. Der Sage nach soll der Apostel Jakobus zwei Pilgerstäbe von Santiago de Compostela bis hierher geworfen haben – die Legende erklärt, warum selbst das Wappen von Gonten zwei Pilgerstäbe zeigt. Über Urnäsch, bekannt für sein Appenzeller Brauchtumsmuseum und die charakteristischen bemalten Holzhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, und Schönengrund erreichst du St. Peterzell – hier trifft der Appenzellerweg auf den offiziellen Ostschweizer Jakobsweg.

Der letzte Abschnitt: St. Peterzell bis Einsiedeln

Ab St. Peterzell ist der Weg als Jakobsweg beschildert und gut dokumentiert. Über Wattwil, St. Gallenkappel und Rapperswil am Zürichsee – wo ein historischer Holzsteg über den See nach Hurden führt – steigst du zum Etzelpass auf. Bei der kleinen Kapelle St. Meinrad beginnt der Abstieg ins Tal der Sihl, vorbei am Naturschutzgebiet Roblosen und am Sihlsee, bis du schließlich in Einsiedeln ankommst: vor der barocken Klosterkirche mit der Schwarzen Madonna, die seit dem 15. Jahrhundert Pilger aus ganz Europa anzieht.

Nachhaltigkeits-Check: Was diesen Weg wirklich nachhaltig macht

Wir schreiben bei nachhaltigertourismus.at nichts schön – deshalb hier eine ehrliche Einordnung entlang unserer fünf Bewertungssäulen, so gut sie sich auf eine Wanderroute statt auf einen einzelnen Anbieter anwenden lässt:

Umwelt: Zu Fuß unterwegs zu sein ist die emissionsärmste Form des Reisens überhaupt. Die Route führt zudem durch mehrere ausgewiesene Schutzgebiete – etwa das Pflanzenschutzgebiet Wogalp im Rheintal oder das Naturschutzgebiet Roblosen kurz vor Einsiedeln. Wegverantwortliche in Vorarlberg und der Schweiz achten seit den 2000er-Jahren gezielt darauf, wenig attraktive Asphaltstrecken durch naturnahe Wege zu ersetzen.

Soziales & Lokalität: Du übernachtest nicht in Ketten-Hotels, sondern in traditionellen Gasthöfen, auf Bauernhöfen (an mehreren Stationen gibt es einfache „Schlafplätze im Stroh“) oder in Klöstern wie der Propstei St. Peterzell. Dein Geld bleibt in kleinen, oft familiengeführten Betrieben entlang der Strecke – über zwei Länder und drei Regionen hinweg.

Transparenz – die ehrliche Einschränkung: Anders als am spanischen Jakobsweg gibt es entlang des Appenzellerwegs bislang keine durchgängigen Pilgerherbergen im klassischen Sinn. Du musst Unterkünfte einzeln buchen, und nicht jeder Gasthof hat täglich geöffnet. Plane das realistisch ein – Spontanität funktioniert hier nur bedingt.

Zertifizierung: Für die Route selbst gibt es kein Nachhaltigkeitslabel – anders als etwa beim Österreichischen Umweltzeichen für Unterkünfte. Achte deshalb aktiv darauf, wo du übernachtest, und frag bei den Tourismusbüros gezielt nach regionalen, kleinstrukturierten Betrieben.

Praktische Infos für deine Pilgerreise

Anreise ohne Auto: Rankweil hat einen eigenen Bahnhof und ist mit der ÖBB-Regionalbahn ab Feldkirch oder Bregenz in kurzer Zeit erreichbar. Das ist einer der großen Vorteile dieses Wegs: An praktisch jedem Etappenort – von Appenzell über Wattwil bis Rapperswil – bestehen Anschlüsse ans öffentliche Verkehrsnetz. Du kannst die Wanderung also jederzeit unterbrechen, in Etappen planen oder bei schlechtem Wetter eine Teilstrecke mit dem Zug überspringen, ohne den Weg als Ganzes aufzugeben.

Etappen und Zeitaufwand: Für die Gesamtstrecke empfehlen sich fünf Tagesetappen mit insgesamt rund 30 Gehstunden und knapp 2.900 Höhenmetern im Aufstieg. Die Route bewegt sich fast durchgehend zwischen 400 und 1.100 Metern Seehöhe – konditionell fordernd, aber ohne alpine Schwierigkeiten. Wer es ruhiger angehen will, nimmt sich mehr Tage Zeit; die vielen Bahnanschlüsse machen das problemlos möglich. Die wichtigsten Zwischenziele im Überblick:

AbschnittGehzeit (ca.)Besonderheit
Rankweil – Freienbach5 ½ Std.Rheinquerung, Wallfahrtskirche Freienbach
Freienbach – Appenzell2 ¼ Std.Kapelle Maria Hilf zum Bildstein, höchster Punkt der Rheintal-Querung
Appenzell – Urnäsch4 ¼ Std.Gonten, Jakobsbad, Kronberg
Urnäsch – St. Peterzell4 Std.Übergang zum offiziellen Jakobsweg
St. Peterzell – Einsiedelnca. 14 Std. (auf 2–3 Tage aufteilbar)Rapperswil, Etzelpass, Zielort Einsiedeln

Die letzte Teilstrecke lässt sich gut auf zwei bis drei ruhigere Tage aufteilen, etwa mit Zwischenstopp in Rapperswil am Zürichsee.

Beste Reisezeit: Die Pilgersaison startet traditionell am 1. Mai mit der Landeswallfahrt nach Rankweil und läuft bis in den Oktober. Sommermonate bringen die stabilsten Wetterfenster, Frühling und Herbst dafür deutlich weniger Betrieb auf den Wegen.

Unterkunft & Verpflegung: Entlang der Strecke findest du in praktisch jedem Etappenort Gasthöfe unterschiedlicher Kategorien, dazu vereinzelt Übernachtungsmöglichkeiten auf Bauernhöfen und in Klöstern. Reserviere in der Hauptsaison rechtzeitig – gerade kleinere Gasthöfe haben oft nur wenige Zimmer und feste Ruhetage.

Ausrüstung: Du brauchst nichts Hochalpines, aber gut eingelaufenes, robustes Schuhwerk und einen Rucksack, der auch bei mehrtägiger Belastung passt – bei nachhaltig produzierter Outdoor-Ausrüstung lohnt sich ein Blick zu Bergfreunde.at.* Pack bewusst: Was du fünf Tage lang tragen musst, sollte wirklich gebraucht werden.

* Affiliate-Hinweis: Bergfreunde.at ist Affiliate-Partner von nachhaltigertourismus.at. Das ändert nichts an unserer Einschätzung – wir empfehlen nur, was unsere Mindestkriterien für Nachhaltigkeit erfüllt.

Für wen sich dieser Weg eignet – und für wen nicht

Der Appenzellerweg ist kein Ausflug für einen Nachmittag und auch kein Familienprogramm mit kleinen Kindern: Tagesetappen von fünf bis acht Stunden Gehzeit verlangen Kondition und Zeit. Wer sich darauf einlässt – ob aus religiösem Anlass, aus Interesse an Kulturgeschichte oder einfach, weil mehrtägiges Gehen der eigenen Reisephilosophie entspricht –, bekommt dafür etwas, das man auf keiner geführten Bustour findet: fünf Tage, in denen der Weg selbst zum Ziel wird.

Was diesen Weg von einer klassischen Wanderung unterscheidet, ist das Tempo. Du kommst nicht schneller voran, wenn du dich beeilst – die nächste Übernachtungsmöglichkeit liegt dort, wo sie liegt, nicht dort, wo es dir passt. Genau dieser erzwungene Rhythmus ist es, den viele erfahrene Pilger als eigentlichen Gewinn beschreiben: ein paar Tage, in denen der Tagesplan auf das Wesentliche schrumpft – gehen, ankommen, essen, schlafen, weitergehen. Wer aus dem Alltag heraus will, ohne dafür zu fliegen, findet auf diesen fünf Etappen zwischen Rheintal und Zürichsee mehr Distanz zum gewohnten Leben, als es die Kilometerzahl vermuten lässt.

Für den nächsten Urlaub in Vorarlberg lohnt sich ein Blick auf die Region Bodensee-Vorarlberg, durch die die erste Etappe führt, oder auf die Vorarlberger Urlaubsregionen im Überblick.

Quellen

  • Helmut Tiefenthaler: Der Pilgerweg Rankweil–Einsiedeln durch das Appenzellerland, im Auftrag des Landes Vorarlberg und des Kantons St. Gallen, 2006 (apps.vorarlberg.at)
  • Basilika Rankweil: basilika.hexle.at
  • kath-kirche-vorarlberg.at: Landeswallfahrtstag Rankweil
  • Kloster Einsiedeln: kloster-einsiedeln.ch, Bereich Pilgerwege
  • Bodensee-Vorarlberg Tourismus GmbH: bodensee-vorarlberg.com, Der Feldkircher Pilgerweg nach Rankweil

Philipp Walz
Philipp Walz

Ich bin Philipp und brenne für nachhaltiges Reisen. Die Idee zu nachhaltigertourismus.at entwickelte ich während meines Masterstudiums in Green Marketing an der FH Wiener Neustadt – aus der Erkenntnis heraus, dass herkömmlicher Tourismus oft tiefe Spuren hinterlässt. Für mich bedeutet nachhaltiges Reisen: Orte bewusst erleben, lokale Kulturen respektieren und den eigenen Fußabdruck minimieren. Jede Reise erweitert meinen Horizont, lehrt mich Achtsamkeit und schenkt mir authentische Begegnungen, die mich prägen. Nachhaltiger Tourismus ist kein Verzicht – er ist eine bereichernde Erfahrung, die unser Leben und unsere Welt positiv verändert. Probier es aus und erlebe selbst, wie erfüllend bewusstes Reisen sein kann!

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